Weißt du, wie viel Sternlein stehen?
oder
O du Deutschland, ich muß marschieren
Der Verlag Tonsplitter hat sich besonders der
Erforschung und Darstellung von
Liedbiographien verschrieben. Die Episoden eines
Liedes machen Geschichte häufig besser erfahrbar, als dies ein
trockener Geschichtsunterricht vermag. Wie häufig es in
Liederbüchern abgedruckt ist, kann Aufschluß darüber
geben, wer es warum gesungen hören wollte. Besonders
aussagekräftig für seine Beliebheit ist dagegen die Zahl der
Kontrafakturen oder Parodien. Je „zersungener” ein Lied
ist, desto häufiger wurde es benutzt, also gesungen.
Das hier von Werner Hinze zum Vortrag angebotene
Lied ist dazu besonders gut geeignet. Das 1837 von Wilhelm Hey
(1789-1854) geschriebene bekannte Kinderlied verfügt nämlich
über mehrere Vorläufer. Dem direkten Vorgänger, dem
Liebeslied „So viel Stern’ am Himmel stehen“ war
bereits eine eigene Liedgeschichte vorausgegangen: Die Soldatenklage
„O du Deutschland, ich muß marschieren“, ein Lied,
das zwischen 1809 und 1814 viel gesungen wurde und in über 200
Aufzeichnungen von Liedforschern gesammelt und dokumentiert worden ist
(keine Liederbücher). Bis zum Ersten Weltkrieg wurde es noch
häufig parallel zum Kinderlied gesungen und tauchte bis 1945 noch
vereinzelt auf.
Die Parodien beziehen sich aber besonders auf die
kindgerechten „Sternlein“. 1848 fand es sich z. B. im
„Guckkastenlied vom großen Hecker“ und in den 1880er
Jahren war es bei den Kunden in Gebrauch. Im ähnlich kecken Sinn
nutzte die organisierte Arbeiterbewegung die Vorlage, und viele
unbekannte Einzelpersonen haben Situationen aus ihrem Leben unter
Mithilfe der Melodie beschrieben.
Zum Vortrag gehören Musikbeispiele, die nur
live dargeboten werden können, da es bislang keine Aufnahmen von
vielen der Lieder gibt.